„Im Theater ist was los!“

DNN vom 20. April 2026 – Rezensent: Andreas Schwarze

Olivia Delauré als jüdische Soubrette Lola Blau, musikalisch unterstützt wird sie von Hans-Richard Ludewig. Foto: Ralf Mosmann.

Der musikalisch-literarische Anarchist und Österreich-Kritiker Georg Kreisler hat der harmonischen deutschen Nachkriegswelt mit seinem Solo-Abend „Heute Abend Lola Blau“ 1971 ein geniales Kuckucksei ins mit Selbstgefälligkeit ausgepolsterte hochkulturelle Nest gelegt. Die Schale verspricht einen unterhaltsamen Abend mit bissigen, parodistischen Chansons und einer rührseligen Story. Knackt man sie auf, entspringt ihr die beschämende Geschichte der europäischen Juden und ihrer Mitbürger, schonungslos analysiert und niederschmetternd klug verdichtet im fiktiven Lebenslauf der Wiener Tingel-Tangel-Sängerin Lola. Der jüdische Pianist, Komponist und Sänger Kreisler, 1938 als Jugendlicher selbst aus Österreich vertrieben, entledigte sich gründlich seiner Herkunft, als er das Volk erkannt hatte, dessen Menschen sich einmal als nette Nachbarn seiner Familie ausgegeben hatten.

Er wurde US-Bürger und verarbeitete die eigene Vita in diesem Stück. Seine gleichzeitig satirische und poetische, doppelbödig unterhaltsame und bis an die Schmerzgrenze ergreifende Abrechnung mit der (un)menschlichen Gesellschaft seiner Zeit gibt er in die Hände einer einzigen Schauspielerin. In ihrer Bühnenrolle allein gegen alle, mit dem Publikum allein gegen das Vergessen. Die junge jüdische Soubrette Lola Blau fiebert ihrem ersten Engagement in Linz entgegen, als Hitler seine soziale und geistige Heimat Österreich „heim ins Reich“ holt und dem Großteil der Bevölkerung damit einen Herzenswunsch erfüllt. Großdeutscher Nationalismus, Judenhass und arisches Elitebewusstsein sind ab sofort wieder en vogue. Auch Lolas Zimmerwirtin hat gleich die „neie Fahn aussi gehängt“ und schmeißt sie raus, Linz sagt ab, Lolas Freund Leo Glücksmann versucht, über die Tschechoslowakei zu fliehen.
Lola wird vom Leben überrollt wie von einem Tsunami, hat nie was mit Politik im Sinn gehabt und wird von jetzt auf gleich ihr Spielball und Opfer. Von hier an werden wir Zeuge ihres einsamen Kampfes ums Überleben, Erfüllung in einer bescheidenen künstlerischen Karriere und persönliches Glück. Sie flieht zunächst aus dem Elend einer mordenden Diktatur in das profitorientierte und moralische Elend der „freien Welt“, kehrt 1946 nach Wien zurück und findet in den Köpfen alles beim Alten.

An diesem packenden Theaterabend spürt man, dass sich Regisseurin Amal Reich und die überragend spielende, singende und tanzende Olivia Delauré darauf eingelassen haben, das Schicksal von Lola konsequent geistig mit zu leben, um es aus heutiger Sicht für uns neu zu verstehen. Es wird keine Pointe ausgelassen, aber auch kein Bruch zugunsten der Show geglättet. Reichs intensive Suche nach der Wahrheit hinter den Bildern und den frechen Liedern bewahrt Actrice und Zuschauer vor aufgesetzter Sentimentalität, musikalischer Beliebigkeit und belangloser Heiterkeit puren Wortwitzes. Entstanden ist eine ganz neue, eigenständige Fassung dieses Solo-Glanzstücks mit seinen 20 Songs und den dramatisch knisternden Telefon-Dialogen.

Olivia Delauré agiert mit unfassbarer Energie, reizt ihre szenischen, stimmlichen und tänzerischen Möglichkeiten aus bis zum Exzess, trifft sprachlich und gestisch jeden Zwischenton und liefert sekündlich Untertexte, die das Publikum auflachen oder erstarren lassen. Sie spielt nicht, sie ist zweieinhalb Stunden lang Lola Blau. An ihrer Seite einer der erfolgreichsten Pianisten Dresdens, der gefragte Theater-, Orchester-, Band – und Studiomusiker Hans-Richard Ludewig. Man erlebt die produktive Symbiose zweier hochtalentierter Vollblutmusiker mit untrüglichem Gefühl für Bühne, Tempo, Stil und Zusammenspiel, die den Abend mit ansteckender Spielfreude gemeinsam zum Erfolg tragen. Dass die altbekannten Nummern hier so richtig einschlagen, liegt an den sehr heutigen und amüsanten Choreografien von Mandy Coleman. Sie sprühen vor Einfällen, die mitreißend das Regiekonzept befördern und drastisch und subversiv Klischees aufbrechen.

Die Szenerie thematisiert fantasievoll und witzig den Koffer als Utensil der Heimatlosen, der Suchenden und reisenden Künstler. Ausstatterin Barbara B. Blaschke erschafft auf der kleinen Bühne mit leichter Hand überraschende Räume und liefert wirksame Kostüme. Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal dieser Produktion ist die von Amal Reich eingebaute Ebene von ihr inszenierter akustischer Collagen aus zeitgenössischen Geräuschkulissen und seichten Schlagern der 30er Jahre (Ton/Aufnahmen: Max Pauls). Kein Geringerer als Opernstar René Pape bewies sich dabei wieder einmal als Urkomödiant. Mit charmantem Schmelz erstickten er und eine „Herz-Schmerz-Band“ Lolas Schrei nach Liebe mit giftigem Zuckerguss. Hausherr Tom Pauls ließ es sich nicht nehmen, mit unnachahmlich treffsicherer Wandlungsfähigkeit und Ironie imaginäre Akteure einzusprechen. Wenn man dieser „Lola Blau“ den ganzen Abend richtig zuhört, sind Vergnügen, Gänsehaut, Mitgefühl und Erstaunen garantiert. Aber auch die beunruhigende Erkenntnis, ein aktuelles Stück gesehen zu haben. Überwältigender Beifall.

Nächste Vorstellungen: 12. und 13. Juni, jeweils 19.30 Uhr